Verlorenes Gefühl – Kurzgeschichte

Den ganzen Vormittag war sie nun schon kopflos durch die Straßen der Altstadt gehetzt und hatte ein Geschäft nach dem anderen abgehakt. Oft war sie schon durch die engen Gassen gelaufen, bei Sonnenlicht zur Seltenheit auch geschlendert. Bis jetzt war ihr jedoch nicht ein einziges Mal der kleine Buchladen an der letzten Ecke gegenüber des alten Gemüseladens aufgefallen.

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Heute allerdings sprang er ihr im Vorbeigehen so stark ins Auge, dass sie abrupt vor den großen Fenstern der Buchhandlung stehen blieb und neugierig wie ein kleines Kind ins Innere blickte.

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Geheimnissvoll reihten sich die dicken Wälzer aus vergangenen Jahrhunderten aneinander. Die braunen Ledereinbände, mit goldener Schrift graviert, lallten sie mit ihrer Wärme ein und zogen sie magisch an. Wie von einer unbekannten Kraft gezogen, setzte sie einen Fuß vor den anderen und übertrat die hölzerne Türschwelle während eine alte Klingel an der Tür ihr Eintreten ankündigte.

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Sie konnte sich nur wage daran erinnern, wann sie das letzte Mal ihre Umwelt, ja sich selbst derart intensiv gespürt hatte. Weich, wie auf Wolken bewegte sie sich durch den Raum und sog jedes Detail auf. Die Zeit schien still zu stehen – sie war nicht mehr in der lauten, kalten Welt dortdraußen, sondern ganz bei sich selbst.

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Normalerweise  hatte sie immer etwas zu tun, war unterwegs. Ein inneres Gefühl – sie konnte es nicht genau beschreiben- , welches sie schon lange plagte, wollte nicht verschwinden. Manchmal wenn sie alleine unter den Olivenbäumen im Hain ihres elterlichen Ferienhauses saß, war es für einen kurzen Moment nicht mehr präsent. Tiefen Frieden druchflutete sie in diesen kurzen Augenblicken des Glücks. War es das, was ihr fehlte? EIne Antwort hatte sie bis jetzt noch nicht gefunden. Schließlich hatte sie nie Zeit, musste wie an diesem Tag eine Liste mit dutzenden Aufgaben abarbeiten. Nur abends, kurz vor dem Zubettgehen, flammte diese Frage nach dem letzten Stück ihres unvollkommenen Puzzles wieder auf. Zu müde war sie dann aber meistens und die Augenlider wurden ihr schwer und fielen im Licht ihrer Nachttischlampe langsam zu.

In der rechten Hand hielt sie eine schwere Ausgabe der Göttlichen Komödie Dantes. Smaragd oder vielleicht auch waldgrün – die Farbe wechselte je nach Lichteinfall- hatte sich das Prachtexemplar aus dem Meer von Schriften abgehoben und ihr Interesse geweckt. Sie konnte die Geschichte, welche auf den dutzenden alten Seiten niedergeschrieben war, allein durch das sanfte Nachfahren des geprägten Titels mit ihrem linken Zeigefinger spüren.

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Fühlen, spüren – das hatte ihr gefehlt. So immens, dass sie die Entdeckung dieses sonst so selbstverständlichen Zustands bis in die Tiefen ihres Herzens traf. Vergessen hatte sie das Fühlen, verlernt durch die alltäglichen Ablenkungen ausgehend von den neusten Technologien, welche sich selbstverständlich in ihr Leben geschlichen hatten.

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Inmitten der Werke großer Schriftsteller träumte sie von ihrem Garten, ihren bunten Blumen und dem selbstgekochten Essen ihrer Großmutter in Italien. Von dem einfachen Leben, im Einklang mit sich selbst und dem Gefühl, welches sie nun endlich fassen konnte und nie mehr loslassen wollte.

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